Mein Name ist Лена

Welche Auswirkungen hat ein neuer Name auf den Charakter einer Person? Als viele Russlanddeutsche zurück nach Deutschland auswanderten, wurde aus den russischen Namen Evgenij einfach mal Eugen. Fühlt man sich etwa anders, wenn man nicht mehr Evgenij, sondern Eugen gerufen wird?

Mein Name ist Eugen Buch

Diese und andere interessante Geschichten werden in dem Buch »Mein Name ist Eugen« von Eugen Litwinow beschrieben. Es erzählt die Geschichte, wie 13 Männer aus Russland nach Deutschland übersiedelt sind, wie sie in Russland gelebt haben und wie es überhaupt dazu kam, dass es in Russland sehr viele deutsche Kolonien gab.

Geschichte der Russlanddeutschen

Die Geschichte ist eigentlich ganz simpel: Die russische Zarin Katharina II lud im 18. Jahrhundert Deutsche und andere Ausländer ein, um das weite und wenig besiedelte russische Land zu besiedeln und zu bewirtschaften. Den Siedlern wurden Religionsfreiheit, die Befreiung vom Militärdienst und die Selbstverwaltung auf lokaler Ebene mit Deutsch als Sprache versprochen. Es siedelten sich viele Menschen an, darunter auch religiöse Minderheiten, insbesondere Mennoniten (Religion meiner Verwandtschaft). So entstanden in Russland deutsche Schulen und Kirchen.

Durch Alexander II wurden 1871 fast alle Privilegien aufgelöst, Russisch wurde Amts- und Schulsprache und der Militärdienst wurde verpflichtend.

Während des ersten Weltkrieges mussten alle Deutschen im Land weiter in den Osten ziehen, man befürchtete sonst, dass die Deutschen Soldaten mit Ihnen kooperieren könnten. Es durfte in der Öffentlichkeit nicht mehr Deutsch gesprochen oder deutsche Zeitungen gelesen werden. Die Deutschen wurden in Russland diskriminiert und teilweise aus dem Land vertrieben.

Als in Deutschland die Nationalsozialisten die Macht ergriffen hatten, wurden die Russlanddeutschen wieder als „innerer Feind“ betrachtet. Viele wurden grundlos wegen Spionage etc. verhaftet oder nach Sibirien oder an den Ural deportiert. Dadurch sollte eine Zusammenarbeit der Russlanddeutschen mit den Nationalsozialisten verhindert werden.

Familien wurde getrennt und ihr Eigentum eingezogen. Viele mussten in Arbeitslagern arbeiten.

Das Lustige ist halt, dort waren wir Faschisten und Deutsche. Als wir hierher gekommen sind, waren wir dann die Russen.
Eugen Seif

Der Stalinismus und die Kriege forderten viele Menschenleben und zerstörte die eigenständige Kultur der Deutschen in Russland. Deutsch zu sprechen war noch lange gefährlich, weil man sonst als „Faschist“ beschimpft wurde. Das Leben war zu der Zeit also ungemütlich und die Menschen mussten sehr viel durchstehen. Das ist aber eine andere Geschichte und darüber gibt es schon einige Bücher.

Mit Gorbatschows Reformen und Öffnung der Grenzen durften Russlanddeutsche offiziell in die Heimat ausreisen. Dieses Angebot haben auch sehr viele genutzt und sind wieder zurück in die Heimat geflogen. In Deutschland werden diese Menschen (Spät-) Aussiedler genannt: „Dabei handelt es sich um Personen deutscher Herkunft, die in Ost­ und Südosteuropa so wie in der ehemaligen Sowjetunion unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges gelitten haben. Sie wurden aufgrund ihrer deutschen Volkszugehörigkeit massiv verfolgt und noch Jahrzehnte nach Kriegsende zum Teil erheblich benachteiligt. “

Und eine Aussiedlerin kennt jeder von euch: Helene Fischer. Daneben gehört der DJ Zedd dazu.

Ich fand die Geschichten im Buch so interessant, dass ich nun meine eigene Geschichte niederschreibe. Mittendrin stehen einige passende Zitate aus dem Buch.

Hallo, ich heiße Helene und ich bin Aussiedler.

Meine Herkunft

Meine ganze Verwandtschaft gehört zu den Russlanddeutschen und alle wanderten ab 1992 nach und nach aus Sibirien nach Deutschland aus.

Wir sprachen zu Hause mehr Plautdietsch (Sprache der Russlandmennoniten / Baptisten) als russisch, nur die Uroma konnte deutsch. Schätzungsweise 10 Prozent von den über 2 Millionen russlanddeutschen Aussiedlern stammen aus einer plautdietschen Familie (Quelle). Ich lernte nie richtig russisch, weil ich dort noch nicht in die Schule ging und sie auch nie sprach. Aber verstehen kann ich trotzdem alles. Nur beim Sprechen und Lesen brauche ich sehr viel Zeit :D.

500.000 Menschen sprechen Plautdietsch, vor allem in Lateinamerika, Kanada, Russland und Deutschland.
„Ich will Essen“ heißt:
Plautdietsch: Etj well ete
Russisch: Я хочу кушать (Ya khochu kushat‘)

Wir hatten eine Kuh und einige Schweine. Wenn meine Mutter die Kühe molk, standen mein Bruder und ich mit einer Tasse nebenan und der Hund Tusik mit seinem Napf. Früher trank ich frische Milch und seit ich in Deutschland lebe, habe ich kein einziges Glas Milch getrunken.

Ich erinnere mich an unser gelbes Haus mit der Hausnummer 74, einer Winter- und Sommerküche und den matschigen Straßen. Im Winter hat unser Hund den Schlitten gezogen, das hat aber nicht lange funktioniert. Nach einigen Metern sind mein Bruder und ich immer umgekippt. Es kam auch vor, dass ich Barfuß durch den Schnee lief.

Aus meiner Erfahrung hätte mir nichts Besseres passieren können, als in Russland als kleiner Junge aufzuwachsen, aber hier als Heranwachsender so die wichtigsten Erfahrungen des Lebens zu sammeln.Eugen Schilke

Unser Haus in Russland, Nr. 74Die großen Birkenwälder und die vielen Seen. Letztes Jahr erwachte bei mir auch wieder die Liebe zu Birkensaft. Früher zapften wir es frisch an den Bäumen, heute wird es in russischen Läden gekauft.

Meine Mutter musste mit 23 Jahren schon entscheiden, ob wir nach Deutschland ziehen wollen oder nicht. 2 Jahre später waren alle Papiere fertig und wir durften fliegen.

Als wir das Haus verkauften, zog die koreanische Mafia ein. Aber sie blieb nicht lange und musste weiterziehen.

Wär ich übrigens ein wenig später geboren , dann wäre mein Geburtsort mein Nachname. Wir wohnten eine Zeit lang in dem Dorf Neufeld. In Russland wird der Wohnort auf die Geburtsurkunde geschrieben und nicht der Ort des Krankenhauses. Mein Vater wurde an den Weihnachtstagen geboren, aber weil die Statistik für die Geburten in dem Jahr schon gut aussah, wurde sein Geburtstag auf nächstes Jahr den 1.1. verlegt. Einige meiner Onkel haben auch an diesem Tag Geburtstag.

Noch eine Krankenhaus Geschichte: Weil ich ein Frühchen war, wurde im Krankenhaus gesagt, dass ich eh nicht lange überleben würde und ich wurde deswegen meiner Mutter gar nicht übergeben. Ich lag im Inkubator und erst Tage später durfte sie mich sehen. Ich war tapfer und überlebte!

Mein Abenteuer

Die Ausreise. Ich war 6 Jahre alt und kann mich deswegen nur an sehr wenig erinnern. Am Moskauer Flughafen kaufte mir meine Mutter eine Puppe mit blauen Haaren, die ich bis jetzt noch besitze. Die ist süß und hat schöne flauschige blaue Locken.

Irgendwann waren im wir im Aufnahmelager für Aussiedler in Hamm. Meine Eltern mussten auf deutsch Fragen beantworten. Mit den Fragen wurde festgestellt, ob man sich zum deutschen Volkstum bekennt. Meine Mutter half einer Familie beim Beantworten der Fragen und wurde selbst nicht mehr gefragt. Man hörte ja, dass sie deutsch verstehen konnte, das reichte für das Aufnahmeverfahren.

Während der Befragung waren mein Bruder und ich in einem Kindergarten. Ich war da nur am Weinen und fand das ganz doof. 3 Tage waren wir da, danach ging es weiter in eine Wohnung in der Nähe einer Burg. Da hatte ich auch immer Angst. Das war ein hoher Turm, mitten im Wald. Danach zogen wir vom Westerwald in den Hunsrück.

Aus Лена wird Helene

Alle Namen mussten aus dem Kyrillischen in lateinische Buchstaben übersetzt und eingedeutscht werden. Die Übersetzung und den ganzen Papierkram erledigten irgendwelche Übersetzer in Russland. So wurde ich eine Helene. Lustigerweise hieß ich eine Zeit lang Helena. Das stand sogar in der Grundschule auf meinen Zeugnissen. Irgendwann wurde es Helene (keine Ahnung warum, aber es gefällt mir besser). Eigentlich wurde ich als Лена Петровна Нейфельд (Lena Petrowna Nefield) geboren. Der mittlere Name ist der Name des Vaters. Dieses Patronym fällt in Deutschland weg.

In der Grundschule bekamen wir Aussiedler statt Religionsunterricht den Förderunterricht Deutsch, damit wir ein wenig schneller die deutsche Sprache lernen. Nach Rhaunen zogen zu der Zeit sehr viele Russlanddeutsche ins Dorf, weil sehr viele Wohnungen und Häuser leer standen. Die amerikanischen Familien der US Air Force, welche aufgrund des in der Nähe befindlichen Flughafens Hahn wohnten, zogen aus. So starb das kleine Dörfchen auch nicht aus. Irgendwann wurde mir gesagt, dass ich den Ethik-Unterricht besuchen sollte, da ich schon genug Deutsch konnte.

Ich bin sehr froh, dass meine Eltern direkt Arbeit gefunden habe. Viele russische Ausbildungen wurden leider damals in Deutschland nicht anerkannt.

Meine Identität

Ich hatte nie Probleme mit der Integration. Wir sprachen in Deutschland sofort deutsch und meine Freunde waren Deutsche. Als Kind ist es sowieso egal zu welcher Nationalität man gehört und welche Sprache man spricht. Man will nur spielen. Mir wurde nicht angesehen, dass ich nicht hier geboren bin. Nur manchmal kommt das russische zum Vorschein: Ich rolle aus Versehen das „R“. Eigentlich sollte ich das nicht können, weil ich die Sprache nie wirklich „gelernt” habe. Es war überhaupt ein Wunder, dass ich direkt hochdeutsch gelernt hatte und nicht den Hunsrücker oder Rhauner Platt. In den Dörfern sprach eigentlich niemand so richtig Hochdeutsch. Im Gymnasium gab es oft Elternabende darüber, dass die Dorfkinder nicht den Dialekt reden oder schreiben (!!) sollten.

Ich fühle mich wie ein gemischter Salat. Ich esse gerne da und da. Also an einem Tag kann es ganz gut Bortschsch mit Manty geben, aber am nächsten Tag Pommes Currywurst.Eugen Schilke

Ich bin froh, dass ich eine Helene bin, wobei Lena (das russische Lena wird ein wenig anders ausgesprochen) auch in Ordnung wäre. Warum überhaupt aus dem russischen Lena kein deutsches Lena geworden ist? Jedenfalls muss ich mich bei meinem Vater für meinem Name bedanken, er hat mich einfach Lena genannt, während meine Mama noch im Krankenhaus war. Sonst wär ich eine Svetlana. Und ich habe meinen Bruder benannt :).

Ich denke, dass ich deutsche und russische Wurzeln in mir trage, weil so viele Generationen in Russland lebten und nun in Deutschland wohnen. Und wie das so ist, wenn man in einem Land mit anderer Kultur aufwächst, dann nimmt man auch nur die guten Sachen für sich mit. Gutes Essen, die Gastfreundschaft und andere tolle Dinge. Es ist nicht so, dass bei uns Wodka auf dem Tisch steht. Das ist die erste Assoziation bei Russland: Wodka. Wir sind in Russland aufgewachsen, aber dadurch fließt nicht automatisch Alkohol im Blut.

Bei der Ausreise nach Deutschland wurde die mennonitische Religion wieder nach Deutschland gebracht. So unterscheiden sich unsere Hochzeiten, Weihnachten und andere kulturelle Dinge von den deutschen oder russischen Bräuchen. Der Großteil meiner Verwandtschaft spricht innerhalb der Familie immer noch Plautdietsch.

So, fühle ich mich nun anders, weil ich Helene und nicht Lena heiße? In der Familie werde ich immer Lena gerufen. Sonst nennen mich alle Helene. Ich war noch ein Kind bei der Auswanderung, deswegen habe ich keine große emotionale Bindung zum Namen. Wäre ich vielleicht als Teenager hergekommen, dann müsste man sich mehr auf alles Neue einstellen. Es war schon gut, wie alles abgelaufen war.

Danke Russland für die Kindheit und danke Deutschland für die neue Heimat <3.

Danke an meine Mama für die ganzen Fakten <3.

Related Stories

13 Comments

  • 2 Jahren ago

    Danke für diesen sehr interessanter Beitrag :)

    Helene kann ich mir auf jeden Fall besser merken, auch so von der Schreibweise her schon :D

    • helene
      2 Jahren ago

      oh ja :D, danke :)

  • Regina
    2 Jahren ago

    Sehr schön geschrieben <3.

    • helene
      2 Jahren ago

      danke <3

  • 2 Jahren ago

    So ein spannender Post! Ich wusste sehr viele Dinge nicht, daher wirklich wirklich spannend :D da ich ja auch ausgewandert bin (als Teenie) find ich es natürlich besonders interessant :)
    Ich wusste erst gar nicht, dass du aus Russland kommst,merkt man am Namen ja nicht mehr ;)
    Bei mir (allerdings keine Aussiedlerin) und vielen anderen, die ich kenne, wurden die Namen relativ genau übernommen – da kommen wirklich abenteuerliche Schreibweisen bei rum! Habe auch mal überlegt, die Schreibweise zu einer deutscheren ändern zu lassen, damit ich endlich mal den Namen nicht buchstabieren muss, aber andererseits ist es ja auch irgendwie einzigartig :)

    • helene
      2 Jahren ago

      danke <3,
      bei Aussiedlern MÜSSEN die Namen übersetzt werden, bei anderen KANN. irgendwie doof teilweise :D. und mir gefällt dein name! :)

  • 2 Jahren ago

    eine tolle geschichte, sehr mitreißend und spannend, was andere menschen erlebt haben. danke, dass du das geteilt hast!

    • helene
      2 Jahren ago

      :D

  • 2 Jahren ago

    Sehr spannender Artikel, habe ich gern gelesen! :) Das mit dem Namen fände ich, glaube ich, ganz schön merkwürdig – da geht doch ein Stück Identität verloren. Eine Freundin hat mir auch mal erzählt, dass eine Bekannte von ihr als Kind aus Pakistan nach Deutschland kam und in Pakistan „Arian“ hieß – dort ein Mädchen-, hier ein Jungenname. Daher musste der Name geändert werden und jetzt heißt sie „Aria“ – was wiederum in Pakistan ein Jungenname ist :D Das ist bestimmt ganz schön merkwürdig für ein Kind.

    • helene
      2 Jahren ago

      das ist echt blöd mit den Geschlechtern :D. Ich finde es bei mir gar nicht so schlimm, aber wenn man als Teenie plötzlich anders genannt wird.. da geht bestimmt sehr viel identität verloren

  • 1 Jahr ago

    Das war sehr interessant!

    In meiner Klasse gab es auch einige Aussiedler. Das mit den Namen ist interessant. Meine Freundin Natalja war in Russland eigentlich eine Natascha. Auch wurde ihr bei Einreise der evangelische Glauben „zugeteilt“, obwohl ihre Familie in Russland eigentlich Atheisten waren…

    Bei uns im Ort leben sehr viele Baptisten, die sehr streng religiös leben, sich entsprechend kleiden und auch ein eigenes Gebetshaus haben.

  • 1 Jahr ago

    ‚Warum überhaupt aus dem russischen Lena kein deutsches Lena geworden ist?‘
    Ohja, das frage ich mich auch… habe da auch so ein paar Freunde. Da wurde aus einem игорь zum Beispiel ein Georg… Welchen Hintergrund diese Namensgebungen wohl genau gehabt haben, abgesehen von der ‚eindeutschung‘? :/

  • […] stelle nun ein weiteres Buch zum Thema Russland vor. Im letzten Buch ging es um die Russlanddeutschen und jetzt geht es um die Fazetten Moskaus. »Moskau Moscow Москва« ist im Hatje Cantz […]

Leave a Comment

Leave A Comment Your email address will not be published